Schumann Tanzlied

Rückerts Tanzlied gestaltet einen  Konflikt , wie ihn viele Liebespaare,  nicht  nur der Dichter Friedrich und seine tanzfreudige Luise Wiethaus-Fischer oder Robert und seine gefeierte Clara Schumann  erlebt haben dürften:  wenn ein eher ungeselliger und zur Eifersucht neigender Partner seine lebenslustige Partnerin auf ein Tanzfest begleiten soll. 
Fünf regelmäßig gebaute daktylische Sechs-Zeiler,   jeweils drei Paarreime,  aber nur zwei Reimwörter, da Vers 2 und 6 identisch sind.  Das Metrum und die Reimordnung  lassen schon beim Lesen eine walzerartige Beschwingtheit erklingen,  die die beiden Gesprächspartner zusammen-schweißt, obwohl  sie ihre unterschiedlichen Einstellungen unverblümt formulieren:  „Sage, was soll mir der Scherz“.  Da von den fünf Strophen drei ihr gehören, hat sie das erste und das letzte Wort.
Während sie in ihrer zweiten Strophe mit keinem Wort auf seinen Wunsch eingeht, mir ihr allein zu sein, sondern im Gegenteil  sich – und ihm! – die körperliche Nähe der Tanzenden begeistert ausmalt,  beschließt sie am Ende  den Konflikt mit einem vermutlich nicht sehr wirkungsvollen Trost: 
V, 3-6: flatterig heute, morgen gescheute, morgen, o Trauter,  dein ganz, heute für alle im Tanz.

Schumanns Duett op.78.1 (G-Dur, ¾ Takt) soll „nicht schnell, anmutig“  vorgetragen werden.
1849 benutzt er ohne Scheu alle genretypischen Walzermerkmale,  von denen er   in den 30er Jahren seine Verlobte abzubringen versuchte:  in der linken Hand fast durchgängig die übliche Punktierung des ersten Viertels, rechts unter der die Stimme verstärkenden oder imitierenden Melodie sehr häufig 5 oder 6 Achtel  in unterschiedlicher  Auf- oder Abwärts- oder Pendelbewegung.  Auch die  beiden Singstimmen bleiben dem Walzermotiv treu:   die drei Stellen, an denen beide das zweite Viertel punktieren,  dienen der Textverdeutlichung, nicht der Figurencharakterisierung. Erst wenn man  das Nach- Mit- und Gegeneinander  der gesungenen Verse genauer untersucht, erkennt man, wie genau und wie eigenständig deutend der Komponist auf das Beziehungsproblem des Gedichts eingegangen ist.  
Nach dem achttaktigen die Gesamtstimmung exponierenden Vorspiel darf Sie ihre erste Strophe frei und in frischen Durklängen durchsingen.  In seine Erwiderung aber,  die rasch zum g-Moll übergeht,   singt sie nach 5 Takten ihre
letzte, nun dringender klingende Aufforderung  des 2. Und 6. Verses hinein, auch mit ihrer Tonart nicht auf
ihn eingehend.   Dann beginnt sie ihre 2. Strophe „lebhaft“, wieder in Dur,  offenbar unberührt von seiner Bitte um den „seligen Schmerz“  der Zweisamkeit.  Nach vier Takten singt nun er  in ihren Text hinein:

Mädchen  und Büb  –  chen,   Schelmchen und Liebchen!
We  – he,   wie pocht,  wie     pocht     mir das  Herz!

Genau an dieser Stelle lässt Schumann  das innerlich getrennte Pärchen vier Takte lang in chromatisch aufsteigenden Terzen so parallel singen wie vorher und nachher nicht – ,  ein schmunzelnder Seitenhieb auf die  übliche  volksliedhafte Terzen-Schwelgerei,  die jeden Dissens verschleiert? 
Wenn Er dann seine zweite und letzte Strophe beginnt,  ist es mit dem  Sich-Ausreden -Lassen vorbei.  Beide unterbrechen sich zuerst alle zwei Takte,  dann, ab IV,3 und V,2 singen sie gleichzeitig.  Immer wieder ins gleiche Metrum verfallend, aber harmonisch in großem Abstand und oft mit heftigen Dissonanzen, die schärfer klingen, wenn man beide Stimmen ohne Klavierbegleitung spielt. 
Während der abschließende Zwiegesang von Fanny Hensel  Schäfer und Schäferin im Liebesjubel vereint, soll  das gleichzeitige Singen in Schumanns Duett zeigen, dass die tief verletzten Streitenden gar nicht mehr aufeinander hören.  Das wird besonders  klar, wenn  er schweigt, also vermutlich zuhört bei ihren Worten:  „flatterig heute“ und „heute für alle im Tanz“, mit denen sie sich harmonisch am weitesten vom gemeinsamen G-Dur entfernt,   aber selbst singt und ihre  versöhnlichen,  tröstenden Worte  nicht wahrnimmt   (morgen gescheute, morgen, o Trauter, dein ganz) mit denen sie sich wieder in seine Tonart und sein  Metrum einschmiegt.
Es ist unbestritten, dass Robert Schumann neben Hugo Wolf der literaturkundigste, feinfühligste und ideenreichste Liedkomponist war. Umso erstaunlicher ist, dass seinen Duetten in der Forschung nicht die gleiche Aufmerksamkeit   zuteilwurde, wie z.B.    den Eichendorff – Vertonungen  „Mondnacht“ oder „Zwielicht“.  Hier soll nur darauf hingewiesen werden, dass Robert Schumann  das duetthafte Gleichzeitig-Singen in dieser Vertonung zur Verschärfung  und nicht zur Auflösung eines  Konflikts nutzt.  Denn  der Leser von Rückerts Gedicht hat am Ende noch ihre liebevolle Anrede „Trauter“ im Ohr und kann an Versöhnung nach dem Tanzabend glauben,  der Hörer des Duetts aber spürt bis zuletzt sein quälend eifersüchtiges „ möchte vergehen in Harm, mitten im jauchzenden Schwarm“, das er zerstückelt und vielfach wie ohne Besinnung  wiederholt.
Die vierzehn Takte des  Nachspiels setzen den anmutigen Walzervortrag des Vorspiels fort  und lassen die seelische Pein des unterlegenen Mannes ein wenig verklingen.