Schubert Licht und LIebe

Schubert, Licht und Liebe D 352    (M. K. von Collin) 

                          
Unter den Gedichten, die  Schumann als Duett vertont hat,  findet sich kein Beispiel für eine ähnliche Auseinandersetzung zwischen zwei Figuren. Das Gedicht Rückerts   (Schumann,  Ich bin dein Baum, o Gärtner op.103.3 (Rückert)  veranschaulicht eine komplementäre Beziehung durch genau sich ergänzende Bilder: die  beiden Liebenden sind sich völlig einig, wenn auch  – aus heutiger Sicht – nicht völlig gleich.   Statt dieses eindrucksvollen  Duetts  soll hier  Collins‘ Gedicht „Licht und Liebe“  besprochen werden,  in dem ein Mann und eine Frau angesichts ihres Vom-Partner-Getrennt-Seins unterschiedliche Empfindungen in Verse fassen. Schubert hat ansonsten nur echte Dialoge als Duette in  geplanten Singspielen komponiert, dabei eher  szenisch opernhaft ‚gedacht‘ als kunstliednah lyrisch.

Das Gedicht,  das Schubert – vermutlich 1816 – als Duett vertonte,  entstammt dem 4. Akt einer Tragödie  seines späteren Freundes und Gönners Matthäus von Collin.  Das Gedicht „stellt den fernen  Zwiegesang einer männlichen und einer weiblichen Stimme vor, der den Monolog  der Titelfigur im vierten Aufzug tröstend unterbricht“.1  Kein Dialog also – mit dem  ersten  Wort „Sieh“ der Frau spricht sie sich selbst an. Sie bleibt in dem   Bildbereich seiner Strophe, in der in sechs  trochäischen Versen mit symmetrischer Reimordnung  die Liebessehnsucht der Menschen mit dem Streben der Erde nach Licht verglichen wird. Nur dass die Frau  sehr schnell  von ihrer Einsamkeit zu sprechen beginnt und ihre derzeit  trübe Stimmung in die Bildstruktur von unten und oben, von Erde und Sternenhimmel einzupassen versucht: ihre schwermütigen Gefühle  steigen auf und trüben den Blick auf die funkelnden  Sterne.
Durch die auferlegte Trennung der beiden   verstärkt  sich seine  Sehnsucht nach Liebeswonne, während sie unter der Einsamkeit leidet und ihre Lebensfreude verliert.      
    
Schuberts Musik trägt diesem Gegensatz zwischen seiner Begeisterung und ihrer Schwermut durchaus Rechnung: der Tenor trägt in langsamem Tempo in G-Dur und im ¾ Takt seine Gedanken zunächst allein vor, unaufgeregt, immer  dem Sprachrhythmus angemessen, den    titelgebenden ersten Vers   mehrfach  wiederholend, von ruhig pendelnden  Achteln begleitet.
Für die ersten vier Verse ihrer Strophe wechselt Schubert zu E-Dur, die Begleitung wird schneller und synkopisch unruhiger, statt seiner süßen Melodie steigt ihr Gesang  in punktierten Achteln zweimal nach oben, um eingedunkelt  zu A-Dur abzusinken. Die vier Schlussverse stehen in e-Moll, werden in rezitativähnlicher Tonwiederholung eher klagend vorgetragen, wobei sie ihren  Schlussvers, von  pochenden 16teln begleitet, zweimal singen darf.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                    
Dass Schubert in seiner Vertonung diese beiden unterschiedlichen Reaktionen auf das Getrenntsein nicht verschärfen  und schon gar nicht aus der Situation lösen  und geschlechtsspezifisch verallgemeinern wollte, wird bei einem genaueren zweiten Hören  an zwei  Entscheidungen deutlich:  
Zum einen, weil er – vermutlich anders als in Collins Tragödie –  eine duetthafte  dritte Strophe anfügt,  in der beide gemeinsam den Text der ersten Strophe, in der  die Liebessehnsucht gepriesen wird, noch einmal singen, wobei die beiden  die Kernaussage in den Versen 5 und 6 sogar noch wiederholen;  dadurch wird die Einsamkeitsklage  des Soprans als schnell überwundene Stimmung charakterisiert.
Zum anderen,  weil in diesem zweistimmigen Gesang so gut wie keine musikalischen Motive  aus der Strophe II auftauchen
:   die weibliche Stimme ordnet  sich der männlichen in allem unter, ob sie einander verseweise abwechseln oder ob sie in engem Terz/Sextbezug beieinander bleiben;  zuletzt verschaffen beide durch viele Wiederholungen dem Liedtitel   beinahe pathetisch Gehör. Nur die 16tel Bewegung der rechten Hand unter  ihrem Schlussvers „Nun vereinsamt, ohne Liebe“ wird 19 Takte lang auch dem duetthaften  Singen der männlichen  Strophe I unterlegt, als hätte ihr Herzklopfen sich auch auf ihn übertragen. Erst in den letzten 13 Takten kehrt das Klavier zur ruhig fließenden Besonnenheit der Strophe I zurück.
Auch hier also ein  gemeinsames  Singen von räumlich getrennten Personen:  im musikalisch-geistigen Raum wird  eine Gleichzeitigkeit von Unterschiedlichem gestaltet und wahrnehmbar,  die über die Botschaft des geschriebenen und nacheinander zu lesenden Textes hinausführt. 
Antje Reineke spricht von einem „magischen, universellen Moment“2.  Die Hörer des beliebten Duetts  können allerdings nicht mehr ahnen, dass die beiden Singenden im  Theaterstück  Collins  kein Liebespaar waren.

1 D. Fischer Dieskau: Franz Schubertund seine Lieder  (insel taschenbuch 250199  S.176f.)
2 Antje Reineke: „Heiter“ und „leicht“ (Programmheft S.15 des Liederabends von Bevan, Appl,
Baillieu am  1.8.2018 im kleinen Saal  der Elbphilharmonie)