Kompositionsfragen

In fast allen  besprochenen Duetten werden die ‚Partner‘ zunächst getrennt vorgestellt. 
Ihr Text ist dann gut verständlich,  die Figuren, ihre Charaktere oder ihre Anliegen werden  musikalisch deutlich repräsentiert,  manchmal in hörbaren Gegensätzen, manchmal in enger Bezogenheit.
Erst dann singen sie gleichzeitig,  bleiben aber bei ihren unterschiedlichen Texten.     
Diese Möglichkeit hat nur die Musik.  In Gedichtrezitationen werden Strophen nie gleichzeitig gesprochen. Dem Komponisten tun sich durch dieses simultane  Singen  zweier  verschiedener Texte eine Fülle von Möglichkeiten auf, die den Nachteil der geringen Textverständlichkeit voll aufwiegt.  In der  Chormusik der Renaissance wurden sogar verschiedene Sprachen übereinander gelegt, aber den Komponisten dieser Epoche ging es nicht um musikalische Textdeutung. Die deutschen Liedkomponisten  von Mozart bis Hugo Wolf u.a. dagegen bemühten sich um eine textangemessene oder  textdeutende musikalische Struktur. Und diesen Anspruch hatten auch die Duett-Komponisten.

In den Kommentaren der 13 Duette wurden nun zwei Modelle des Miteinandersingens  beobachtet:

In den vier Dialogduetten singen die Partner in einer face to face Kommunikation: sie sehen sich  oder hören zumindest den anderen,  sie lassen sich ausreden oder unterbrechen einander, sie beziehen sich in Tempo, Lautstärke, Rhythmik, Motivik aufeinander,  indem sie einander  widersprechen oder imitieren, oder sie schwenken nachgiebig ein auf die Taktart und Harmonik des Partners. Wie sehr die Komponisten an der Musikalisierung der psychologischen Strukturen eines Dialogs interessiert sind, zeigt sich in ihrem freien Umgang mit Wörtern, Versen und sogar Strophen. Dann  lösen sie sich  von der dienenden Funktion der  Textvermittlung und werden  zu selbstbewussten Textdeutern.
Es lohnt sich zu fragen, wie  sich das gemeinsame Singen vor allem am Ende eines Duetts auf  einen vorangegangenen Konflikt auswirkt. Im Schäfergesang mündet der vorübergehende Dissens zwischen  Schäferin und Schäfer ja erwartungsgemäß in einer einträchtigen, sehr harmonischen  Feier der Macht der Liebe in Mensch und Natur. In den anderen Dialogduetten ist der Konflikt am Ende des Lieds nicht gelöst, die Komponisten versuchen, ihn durch strettahafte Steigerungen und schrille Harmonien  bis zum Ende durchklingen zu lassen.
Am erfindungsreichsten verfährt  Schumann im „Tanzlied“,  wo sechs Takte vor dem melancholisch sich beruhigenden  Walzernachspiel  noch zweimal auf ‚morgen‘ und ‘mitten‘  eine seltene Dissonanz herausgehämmert und ausgehalten wird:  c- d – eis‘ – gis‘- e‘‘.  Doch alle Duette enden schließlich  in Wohlklang. Der Systemzwang erlaubte den Komponisten im 19. Jahrhundert noch keinen dissonanten, unaufgelösten Schlussakkord.

In den im Kapitel Zweierlei Sicht besprochenen   Duetten   dagegen repräsentieren die beiden Stimmen keine konkreten Figuren mehr, die einander zuhören könnten. Sie singen nicht mehr in einem gemeinsamen Raum, oder existieren  nicht einmal mehr  in einer gemeinsamen Zeit.    Sie agieren und reagieren nicht als psychologische Wesen in einer vorstellbaren Szene, sondern existieren als Ideen-Stimmen  in einem  musikalischen Zeit-Raum.  In diesem werden verschiedene Trauerhaltungen kontrastiert, komplementäre Beziehungsmuster  formuliert (Schumann. Ich bin der Baum) oder gegensätzliche Lebenserfahrungen  vorgestellt.   Wenn in diesen Duetten nach dem anfänglichen Solovortrag der  Positionen gemeinsam gesungen wird, ist es in die Verantwortung der Komponisten gestellt,  die Gegensätze aufzulösen oder in einer beide umfassenden Einheit aufzuheben. Obwohl keins der Duette sich zuletzt in die wenig aussagekräftige Terz/Sext-Harmonik  rettet, ist die Gefahr der  Übersüße des Konsensbedürfnisses nicht immer gebannt.
Wenn dagegen die Differenz, der Dissens, das Trennende im  gemeinsamen Singen noch hörbar ist wie in Verschiedene Trauer und Es rauschet das Wasser oder wenn es wie im Gebet der Nonne noch nachhallt, dann gelingt es der Musik –  was im Leben so schwierig ist –  die Unterschiede oder gar Gegensätze in einer höheren Einheit aufzuheben: magische Momente?