Genrefragen

Peter Jost, Heike Benecke und C,M.Schmidt benutzen die Termini Dialogduette oder Dialoglieder,  um die Duette, in denen zwei Figuren miteinander sprechen, abzugrenzen von „Duettliedern“, in denen sich ein lyrisches Ich zweistimmig aussingt.
Das bietet  zwar eine schärfere Unterscheidung als der hier gewählte Begriff ‘Duette der Zwiesprache‘. Aber natürlich gehören dann stichomyhische Duette wie „Walpurgisnacht“ oder „Edward“ u.v.a.  auch zu den Dialogduetten,  in denen die beiden Figuren immer nur im Wechsel singen und nie  –  im Sinne dieser Untersuchung – miteinander verschränkt werden.  Während viele der  echt zweistimmigen hier kommentierten Lieder nicht zu den Dialogduetten gezählt werden könnten, weil in ihnen kein Gespräch zwischen zwei Figuren stattfindet. 
Der hier gewählte Terminus Zwiesprache erhebt aber auch nicht  den Anspruch, ein  eindeutig abgrenzbares Genre  innerhalb der Kunstliedduette zu bezeichnen: die Grenzen sind wie so oft fließend. 
Es stellt sich zum Beispiel  die Frage, ob ein Duett, in dem ein Ich ein Selbstgespräch führt, nicht auch als  Zwiesprachen-Duett bezeichnet und in die Untersuchung aufgenommen werden sollte.
Schumann hat vier solcher Gedichte vertont: „Liebesgram“ op.74.3, „In der Nacht“ op.74.4, „Botschaft“ op.74.8 und „Bedeckt mich mit Blumen“ op. 138.4.  Alle Gedichte stammen aus den Übersetzungen Geibels aus dem Spanischen. In allen spricht eine Frau mit sich selbst, nennt sich ‚du‘,  den abwesenden Geliebten ‚er‘.  Viele kurze Gedanken werden wiederholt, öfters mehrfach, als würden im Kopf einer Schlaflosen die Gefühle und Gedanken der Sehnsucht und der Sterbensbereitschaft, der Hoffnung und der Einsicht kreisen oder einander jagen.  Die beiden Ich-Stimmen werden simultan oder alternierend geführt, doch zu besprechenswerten konflikthaften Gegensätzen im Inneren der Unglücklichen kommt es  nie, weder in den  Gedichten  noch in deren   Vertonungen. Darum  und auch weil sich kein Selbstgespräch unter den Duetten Hensels und Brahms‘ findet, wurde  darauf verzichtet, ein weiteres Kapitel anzufügen.
Obwohl bei der Auswahl der Duette der Zwiesprache  zuallererst gefragt wurde,  ob die Komponisten durch ein plurales Subjekt oder durch eine unterschiedliche Lebensauffassung o.ä. im Gedicht dazu motiviert worden sein könnten,  es als Duett zu vertonen, soll nicht behauptet werden,  es gäbe irgendeine Art von Notwendigkeit für eine solche Genre- Entscheidung. 
Denn  zum einen  werden häufig  reine Dialoggedichte als Sololieder vertont. Allein von Goethes „Trost in Tränen“ gibt es mehrere bedeutsame Sololieder (Vergleiche meine Kommentare im Netz unter www.Mehrfachvertonungen.de).
Sogar die Wechselreden zwischen Edward und seiner  Mutter  in Herders Ballade wurden von Brahms als Duett (op.75.1) und  von Loewe dagegem als Sololied für einen einzigen Sänger komponiert. Solche unterschiedlichen Rollen wie  auch  kurze  wörtliche Reden in Gedichten muss ein Sänger ja durch charakteristisches Modulieren der Stimme gestalten  können, wie Goethe es für die Strophenlieder generell forderte.  In Brahms‘ frühem Sololied  „Liebestreu“ op.3.1 singt  Jesse Norman als  Mutter in dunklerem,  als Tochter in hellerem Timbre.
Zum anderen gibt es unter der großen Zahl der zweistimmigen  Vertonungen  ‚monologischer‘ Gedichte, die Jost Duettlieder  genannt hat, auch einige, in denen die Stimmen nicht durchwegs  homorhythmisch geführt werden, sondern  eine ähnlich   große kontrapunktische Eigenständigkeit   gewinnen wie in den Duetten der Zwiesprache.
Es   bleibt den Komponisten  bei ihren  Genre – Entscheidungen  also jede   Freiheit und viel Raum für kreative Lösungen, während sich den   Hörern   die   Chance bietet,  interessante Beispiele  für  die   wechselseitige Erhellung von Dichtung und Musik zu entdecken.
Warum hat z.B. Schumann Hebbels Gedicht über „Das Glück“ als Duett (op.79.16) vertont? Auch die beiden Gedichte von Klaus Groth „Klänge I und II“), die Brahms als Duette op.66.2 und 3 und vertont hat,  bieten beim ersten Lesen keinen Anlass für Zweistimmigkeit; Ludwig Finscher hat sie dennoch  als „Summe Brahmsscher Duettkunst“ bezeichnet.    
Und was hat Reger dazu bewogen, als einziger von 20 Liedkomponisten Eichendorffs wunderbares „Ich wandre durch die stille Nacht“ von zwei sehr eigenständig geführten Frauenstimmen singen zu lassen?  (Vgl. ebenfalls www.Mehrfachvertonungen.de).

1 Hans Jost (Herausgeber): Brahms als Liedkomponist 1992 S.9ff.  und  
Christian Martin Schmidt:Johannes Brahms (Reclam Musikführer 1994)  S.300