Genderfragen

Unter den  13 oben kommentierten Duetten finden sich nur drei,  in denen es nicht um eine Mann-Frau -Beziehung geht: Hensels „Schlaflied“, Schumanns“ Familiengemälde“ und Brahms‘  „Die Schwestern“.
So liegt es nahe, abschließend zu fragen, ob aus  der musikalischen Gestaltung der Geschlechterrollen in den zehn übrigen Duetten Einsichten über „Frauenliebe und Männerleben“ in der Epoche  gewonnen werden können, über Positionen der Komponierenden, über  ihr Verhaftet-Sein in den konventionellen Rollenzuschreibungen ihrer Zeit oder auch über ihre Ansätze, sich daraus zu befreien.
Erinnert sei   zunächst an Fanny Hensels Duette Schäfergesang und Ich hab ihn gesehen. Hier gewährt sie der Frauenstimme mehr Takte als dem Partner,    eine erstaunlich eigenständige  Melodieführung,  überraschend beharrlich dissonante Klagen und  vor allem eine sehr temperamentvolle Selbstkundgabe des eigentlich schüchternen, sich versteckenden Mädchens in der Goethevertonung. Bei aller Vorsicht: man fühlt sich erinnert an  die vielen Diskussionen im Haus Bartholdy über die Frauenrolle und spürt schon in Fannys Musik  ihr  Bemühen, der Sache der Frauen mehr Aufmerksamkeit und Nachdruck zu verleihen.                                                                                                                                                                       
Bei Schumann ist wie immer alles komplex und ambivalent. Ein Gedicht wie „Unterm Fenster“ von R. Burns,  in dem –  wie in vielen Rokokogedichten u.a. auch von Goethe – der neuzeitliche Grundsatz ‚Nein heißt  Nein‘  verhöhnt wird, hätte Fanny Hensel sicher nicht vertont. Sein „Tanzlied“  dagegen  ist denkbar weit von jeder Frivolität entfernt, hier zeigt er einen grundlegenden  und selbsterlebten Dissens auf, zeigt Empathie für beide Haltungen und enthält sich jeglicher Parteinahme.
In den vielen Rückertliedern, die er für und mit Clara vertonte, hat Schumann sein Bekenntnis zur Gleichrangigkeit, zur Wechselseitigkeit und zur Dauerhaftigkeit  der Liebesbeziehung auch musikalisch realisiert.  In  „Ich bin der Baumentfaltet   sich eine solche Fülle an komplementären  Bezogenheiten der beiden ursprünglich eigenständig vorgestellten Stimmen, dass man sich wundern muss, wie viele Duette mit simplen  Parallelmelodien auch Schumann noch komponiert hat.  Verallgemeinerbare Einsichten über Schumanns Positionen zu Genderfragen dürften noch schwieriger zu gewinnen sein als bei Brahms.  Die Textauswahl kann aus vielen, u.U. auch aus kommerziellen oder privaten Gründen erfolgt sein.
Und die Zuordnung musikalischer Strukturen zu vermeintlich männlichen oder weiblichen Zuschreibungen, wie es zur Zeit Schumanns und Hensels noch gang und gäbe war,  wird mittlerweile als  zu epochen- und  rezipientenbezogen  kritisiert. Dazu und auch zu der geschlechtsspezifischen Aufführungspraxis im 19. Jahrhundert hat Marion Gerards in ihrem Buch „Frauenliebe – Männerleben“  am Beispiel von Brahms Grundlegendes geschrieben1
Warum Gerards in den Kapiteln über Genderfragen in der Musik zwar Sololieder zum Thema analysiert hat, aber keine Duette, in denen Mann und Frau in direkter Konfrontation miteinander musikalisch handeln, ist schwer verständlich.  Allerdings  kommt  (m)eine  Analyse solcher Duette auch nicht zu anderen Ergebnissen als Gerards:  Brahms lässt sich sehr auf die Aussagen, den Ton und die Botschaft der sehr unterschiedlichen Texte ein. Und Textauswahl  und musikalische Gestaltung  lassen keine eindeutigen Festschreibungen seiner Einstellungen zu Genderfragen zu. 

1 Marion Gerards: Frauenliebe – Männerleben: Die Musik von Johannes Brahms und der Geschlechterdiskurs im 19. Jahrhundert. Taschenbuch 2010