Schumann Familiengemälde

Robert Schumann, Familiengemälde  op.34.4 (Anastasius Grün)

Anastasius Grün (1806-1876), der liberale österreichische Aristokrat und Freund Lenaus, hat vor seinen politischen Aktivitäten in der Frankfurter Nationalversammlung einige Vormärzgedichte geschrieben, die vielleicht gerade wegen des biedermeierlichen Rückzugs auf Privates  feinsinnige, kluge Lebenserfahrungen in die lyrische Form bringen.
In diesem Gedicht  geht es um das Doppelspiel des Lebens  in der letzten Strophe,  um den stummen und wissenden Blicktausch zwischen einem jungen und einem alten Liebespaar. Grün lässt sich fünf Strophen Zeit, die beiden Lebensalter durch die  jahreszeitlichen Assoziationen  zu kontrastieren und die vier Menschen  zugleich in einem  gemeinsam erlebten, stillen,  zeitlosen Momentum aufzuheben.  

Robert Schumann hat durch die Entscheidung,  dieses Gedicht als Duett zu vertonen, auf seine Erzählhaltung aufmerksam gemacht: denn ein  lyrisches Ich spricht hier zuerst als übergeordneter Erzähler, dann als der junge männliche Liebende,  der das Wir als „Ich und die Geliebte“ benennt,  von  Strophe III  an wird das lyrische  Wir zum Subjekt  und in V zum Objekt vielsagender Blicke.  
Konsequenterweise singt in Schumanns Duett der Tenor allein die erzählenden Verse, also die ganze erste Strophe,  III, 1 und 2  und  V,1 und 2.
Wenn ab Strophe II Tenor und Sopran gemeinsam die Wahrnehmungen und Gedanken des jungen Paars aussprechen,  wird die gesamte Familiensituation konkreter, wärmer, emotionaler ausgestaltet als es der distanzierte Berichtstil des Gedichts erwarten ließ. Schumann hat, obwohl  er in seinem Liederjahr 1840 meist nur einen Tag für eine  Gedichtvertonung brauchte, sehr genau gelesen:  In Strophe II singt Sie „ich und der Geliebte“ zeitgleich mit Seinem „ich und die Geliebte.“  Und am Ende in VI,3 ersetzt er das Wort ‚träumten‘ durch ‚dachten‘, wohl weil er das romantische Sehnsuchtswort für das Vorausdenken ans hohe Alter als zu beschönigend empfand.
Wie sensibel  Schumann mit den staccatierten Akkorden in der Begleitung auf  das Zögerliche  des Alters eingeht,  wie er mit der strophischen Melodieführung in I und II die Verbundenheit der beiden Paare, mit den schnelleren gebundenen Achteln  das Plätschern des Baches und mit der Textwiederholung und der abgestuften Dynamik zum pp hin  das Verrinnen der Zeit musikalisiert  und wie andächtig er in dem langen Nachspiel nach dem Fermate-Trugschluss musikalisch dem Geschehenen nachsinnt, erschliet sich sogar beim ersten Hören im Konzertsaal.                          
                                                                                                                                                         
Erwähnenswert ist noch die Führung der beiden Stimmen: über weite Strecken  singen Sopran und Tenor wie in den quasi einstimmigen Duetten  metrisch parallel und darum sehr gut verständlich, häufig bleiben sie sogar  im vertrauten und wohlklingenden Terzen/Sexten – Verband. Und dennoch hört man in diesem Duett  immer zwei Personen singen, die sich reibungslos zu einem Wir zusammen gefunden haben.  Das mag in unseren  Ohren zuweilen allzu süß klingen, vor dem Hintergrund anderer biedermeierlicher Texte und vieler harmloser Lieder zeugt dieses Duett von Schumanns hoher Kunst der musikalischen Übersetzung der Oberflächen- und Tiefenstruktur eines Gedichts.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                  Schumann hat noch mehrfach Wir-Gedichte ausgewählt und  als Duette vertont, z.B. 1849 das
„Wiegenlied“ op.78.4 nach einer Hebbel-Version eines alten Kinderliedes. Allerdings hat  er hier  die zweite Strophe Hebbels nicht vertont,  in der der Vater als der Sprecher des Elternpaars die Mutter des „Knäbleins“  erwähnt. So kann der Hörer die beiden Stimmen nicht als das Wir von Eltern  auffassen, die sich gemeinsam sorgen und sich die Aufgaben teilen.  
In anderen wie  in“ Liebesgarten“ op.84.1 singen Er und Sie den gleichen Text, stellen die gleichen Fragen und geben sich die gleichen Antworten, fast immer gemeinsam, manchmal leicht versetzt.
Oder ein Mann fordert in „Intermezzo“ op.74.2 sein Mädchen auf, sich auf die gemeinsame Reise vorzubereiten und spricht in ihrem Namen von wir oder uns. 
Konsequenterweise gewinnt in solchen Duette die zweite Stimme keine eigene Funktion, vertritt keine Gegenfigur, schmiegt sich in jeder musikalischen Hinsicht an die erste Stimme an.