Schumann Er und Sie

Robert Schumann, Er und Sie op.78.2 (Justinus Kerner)  

Zwei Monologe, kein Gespräch1 zwischen den Liebenden. Er spricht im Sonnenschein, sie im Mondlicht. Er blickt auf Blumen, sie auf Sterne.  Aber entscheidender sind die Parallelen.
Und hier verfährt Kerner ungemein feinsinnig, raffinierter als in seinen vielen Gedichten, die oft nur singuläre Alltagsbegebenheiten gestalten. Denn beide Figuren imaginieren die gleiche Situation: beide glauben,  sie könnten das Bild des anderen in der schönsten Blume auf der Wiese oder im schönsten Stern am Himmel erblicken, weil der geliebte Mensch genau im gleichen Moment  auch auf  genau dieses schöne Naturwesen blickt und sich sein Antlitz in ihm einschreibt.  
Gewiss sind sie einander durch das gleiche Eingedenken verbunden, auch durch die subtile Innerlichkeit ihrer Projektionen. Aber bringt   die Ungleichzeitigkeit  von Tag und Abend  nicht einen leichten, bei Kerner nicht seltenen skeptischen Hinweis auf das Illusionäre  ins Spiel, denn das Nebeneinander der Strophenpaare legt doch nahe zu denken,  dass sich ihre  Blickrichtungen kreuzen, dass sie dann zum Himmel  blickt, wenn er sie  im Vergissmeinnicht  zu entdecken glaubt.  Statt dessen eine Ungleichzeitigkeit der Blicke! Das   muss keinen Zweifel an der inneren  Nähe der Liebenden aufkommen lassen, könnte aber doch als ironische Distanz des Dichters aufgefasst werden.
Jedenfalls legt die Parallelstruktur, die an die rhetorische Figur des Chiasmus erinnert,  es dem Komponisten Robert Schumann nahe, dieses Gedicht Kerners als Duett zu vertonen,
nachdem er in seiner frühen Zeit fünf und am Ende seines Liederjahrs 1840  12 Gedichte Kerners in  op.35 als  Sololieder  vertont hat.
Der strophische und parallele Abdruck der beiden eigentlich nacheinander zu lesenden Acht-Zeiler soll es leichter machen, auch die sprachlichen Mittel des Parallelismus  zu erkennen, vor allem den übergenau gleich geführten Satzbau, die Reihenfolge der Handlungsmomente, die Identität der beiden 4. Verse von I und III und nicht zuletzt die Vielschichtigkeit  des letzten Worts ‚eine/n‘:   denn zunächst steht dieses Artikel-Zahlwort für Blume bzw. Stern, beim Weiterlesen, wenn von den Liebespartnern die Rede ist,  verweist es auf den geliebten  Menschen.  Und in den beiden Schlussversen wird die Gedichtidee zugespitzt durch die Rückbezüge von  ‚es‘ und ‚Bild‘ auf  die Einzigartigkeit der Liebenden.

Schumann hat dieses Gedicht Kerners  wie das oben besprochene Tanzlied Rückerts 1849 nach den Wirren der Revolution vertont: es steht in Es-Dur und im 2/4 Takt, es soll „nicht schnell“ gesungen werden,  das Klavier unterlegt den Gesang bis auf 8 Takte gegen Ende mit ruhig fließenden Vierteltriolen, in die sich die Achtel der Sänger pulsierend einschmiegen müssen.  
Mehrere Entscheidungen Schumanns lassen keinen Zweifel daran,  dass er sein Lied als Feier der inneren Verbundenheit der Liebenden gehört haben wollte.  Am auffälligsten ist die Neuanordnung der Strophen:  auf den solistischen Vortrag des Tenors von Strophe I folgt, wenn man Text und Melodie noch im Ohr hat, sofort  die Strophe III des Soprans und zwar  in strophisch wiederholender Musik; die Ortsangaben machen   das räumliche Getrenntsein bewusst,  die identische Musik bildet die innere Nähe der Liebenden ab.                                                                                                                                                                                                                                                                                           
Beim Vortrag der Strophen II und IV rückt Schumann Sopran und Tenor noch näher aneinander: sie singen ihre Verse gleichzeitig, aber um zwei Takte versetzt, zunächst imitatorisch, dann führt seine Melodie bei ‚Auen‘ abwärts, ihre bei ‚Himmelshöhen‘ aufwärts. Dies und die Wiederholung der illusionären Zeitangabe ‚jetzt auch‘ sind die einzigen Anzeichen dafür, dass Schumann die ungleichzeitige Überkreuzung der Perspektiven im Gedicht wohl wahrgenommen haben dürfte.
Aber er richtet sein Augenmerk nicht auf  diesen im Gedicht angedeuteten Vorbehalt,  wie er es neun Jahre zuvor bei der Vertonung der vielen Brechungen und Doppelsinnigkeiten in Heines Gedichten virtuos wie kein anderer getan hat. Denn auf die 48 Takte für alle 4 Strophen folgen weitere 65 Takte für die zunehmend parallel geführte, schwelgerisch wiederholende Vertonung der  Anfangsstrophen der beiden. Schumann  lässt zunächst unverkürzt alle vier Verse  vortragen, wobei beide Figuren ihre verschiedenen  Orts- und Zeitangaben in V 1+2 abwechselnd, die folgenden Verse  dann gleichzeitig singen, zunehmend in Parallelführung und die identischen vierten Verse 4 wiederholend.  Noch selbstbewusster eignet sich  Schumann am Ende Kerners Gedicht an, wenn er für die letzten 37 Takte nur noch Vers 1 (versetzt)  und  Vers 4 (parallel) vertont und  die gleichlautenden  vierten Verse durch vielfache Wiederholungen und Dehnungen dem  Bewusstsein einprägt.

So kann man nicht umhin, dieses Duett als Hymne auf  die Liebe zu verstehen,  als Jubel über die wechselseitige Wahrnehmung der Einzigartigkeit des Partners,  derer sich beide  auch bei räumlicher Trennung bewusst bleiben. Es ist hier nicht nur die Kraft der Musik und die Neigung aller  drei Komponisten, ihre Duette  mit synchron gesteigerten Aufschwüngen  zu beenden,  es ist auch Schumanns  bewusst getroffene Auswahl und Anordnung der Verse Kerners,  die den Gedanken an Widersprüche oder Risse in der Beziehung vergessen machen.
Hier verschwindet die  im Gedicht angedeutete Widersprüchlichkeit  hinter  dem begeisterten gemeinsamen Schwelgen im Konsens.
Über den einzigen Gegensatz zwischen Mann  und Frau im Gedicht,  zwischen seinem  Hinunter- und ihrem Hinaufschauen hinaus hat Schumann musikalisch die  Unterschiede zwischen den Geschlechtern nicht verstärkt; beide benutzen die gleichen Motive und  Rhythmen;   der Tenor  beginnt das imitatorische Singen von II und IV, lässt sich aber bald überholen; und die Frage nach melodischer Führung bzw. Begleitung ist in diesem Duett ohnehin nicht von Belang. 

1 GüntherSpies:  Robert Schumann (Reclams Musikführer 1997)  S. 181