Brahms Die Schwestern

Brahms, Die Schwestern op.61.1 (Mörike)

Mörike hat das scherzhafte Gedicht zwei Freunden geschickt mit der Legende, er habe das Lied zwei Landmädchen abgelauscht; er wollte  herausfinden, ob sie auf den Volksliedton hereinfallen. Beide haben – und sicher nicht erst in der letzten Strophe – die Kunst Mörikes erkannt,   trotz oder vielleicht auch gerade wegen der  naiven Schlichtheit des Gedichts:  denn allzu häufig plündert er Des Knaben Wunderhorn, z.B. mit der doppelten Verneinung von I,4,  mit dem Füllwort fürwahr in II,4  und der ungelenken Versifizierung von Redensarten.
Vollends virtuos ist die Wendung der letzten Strophe gelungen: ein neuer Sprecher ergreift das Wort, zitiert – nur jetzt aus seiner Sicht – den vierfach wiederholten ersten Vers und macht sich damit auch ein wenig lustig über die Selbstpreisungen der Schönen.  Dann findet er für die Schlusspointe die ebenso  überraschende wie einfache Formulierung „Ihr liebet einerlei Liebchen“, mit der  die zuvor gerühmte Gleichheit auf die Spitze getrieben und zugleich beendet wird, und wertet im letzten Vers sein zuvor kunstvoll gearbeitetes Gedicht als Liedel ab.
Mörike, der Raffinierte, der Ästhet, der Verspielte at its best.


Das Gedicht ist nicht oft vertont worden. Lachner hat es für fünf Frauenstimmen, Schoeck als Sololied komponiert. Nur Brahms hat sich für die Form des Duetts entschieden. Und er lässt die beiden Schwestern vier Verse lang konsequent parallel singen, in gebrochenen Akkorden über eine Oktave hinweg, in fröhlich hüpfendem Staccato, mit Wortwiederholungen, wie man es aus seinen volksliednahen Gesangsstücken kennt: nur dass die kaschierte Einstimmigkeit hier in völliger Übereinstimmung mit der im Gedicht behaupteten Ununterscheidbarkeit der Zwillinge steht.
Nur der Gesang ist strophisch, in der Begleitung wechselt Brahms ab Strophe III zu einer absteigenden Akkordbrechung  über der schon bekannten, einfachen Harmoniefolge.  
                                                                                                                                                                            
Den Bruch der Perspektive in Strophe V hat Brahms sehr wohl gesehen und musikalisch berücksichtigt:  er wechselt von g-moll zu G-dur,  vertont die beiden ersten forte Verse sehr ähnlich wie zuvor, wechselt dann ins piano, findet eine weichere, bescheidenere Melodielinie, schreibt für den entscheidenden dritten Vers eine neue crescendierende Linie vor,  die in einer ganztaktigen großen Sekunde, der einzigen ausgehaltenen Dissonanz des Duetts,   ihren Höhepunkt findet. Zuletzt kehrt er zu dem Staccato des Anfangs zurück, wiederholt das spöttische ‚Liedel‘ und beendet das Duett mit dem fünftaktigen Nachspiel, das zuvor bereits  nach  jeder Strophe zu hören war: so sorgt er dafür, dass die Einheit des Lieds gewahrt bleibt.                                                                                                                                                                         Dadurch wird aber das Spöttische, ja Boshafte dieser Strophe stark abgemildert und die in der  Dissonanz angedeutete neue  Uneinigkeit der Schwestern kann leicht überhört werden. 
Den Sprecherwechsel am Ende deutlicher zu markieren, ohne das Genre Duett zu erweitern, dürfte schwierig sein. Vermutlich deshalb haben Mörikes Freunde Hetsch und Kauffmann das geschätzte Gedicht auch als Sololied vertont. Schoeck hat in seinem eher schwermütigen Lied durch eine lange Pause vor Strophe V und eine tiefere Stimmlage auf diesen Wechsel aufmerksam gemacht.