Brahms Die Nonne und der Ritter

Brahms, Die Nonne und der Ritter op.28.1 (Eichendorff)

In dieser frühen Romanze Eichendorffs hören wir zwei nächtliche Monologe von zwei Menschen, die sich einst nahe standen und jetzt gleichzeitig aneinander denken. Der zur See fahrende Ritter sieht vom Ufer aus  ihr einstiges Schloss in der Ferne, nicht aber die nahe Nonne am Zellenfenster,  dennoch spricht er sie direkt an. Sie blickt von oben aufs Meer, erinnert sich an ihre Liebe  und wähnt in dem verwehten Windes-  und Wellenrauschen auch seine Stimme zu vernehmen, die wehmütige Erinnerungen wachruft. Sie hat das erste und das letzte Wort: am Ende beschwört die immer noch Liebende  mit dem einzigen Präteritum des Gedichts einen früheren  Abschied und hält die nun endgültige Abreise des Geliebten für eine nächtliche Sinnesverwirrung.
Eine Eichendorffsche Landschaft, in der die Klänge der Natur und die Stimmen der Menschen sich geisterhaft vermischen,   Nähe und Ferne ineinander verschränkt sind,  die Vergangenheit  nur  als Vergänglichkeit  erfahren wird,  gemeinsame Zukunft nicht mehr aufscheint.
Das  durchgängig trochäische Metrum und  die Paarreimordnung erinnern  noch an die von Herder übersetzten spanischen   Romanzen, alles andere ist ins Halbdunkel der  Eichendorffschen Romantik getaucht: viele seiner bis in die Spätzeit verwendeten Chiffren  tauchen schon hier auf,  man denke nur an eins seiner schönsten Gedichte, an  „Die Nachtblume“.   Die  grundlegende Polarität von Heimat und Ferne weist voraus auf „Die beiden Gesellen“, das auch mit einer Bitte an Gott endet. Und wie oft gestaltet Eichendorff später noch das zentrale romantische Genderkonzept des in die Ferne ausschweifenden, sich zurücksehnenden, durch  irre Stimmen und verlockende Figuren gefährdeten Mannes und der verlassenen und einsam gebliebenen Frau, die hier Nonne genannt wird.

Brahms hat Eichendorffs Romanze 1860 vertont,  also kurz bevor er sich intensiv in die vergleichbare Welt der schönen Magelone von Ludwig Tieck einfühlte. Der 27-Jährige spürt genau, dass diese Romanze, in der die Figuren nicht miteinander sprechen, obwohl sie sich in einem herausgehobenen Moment fast auf Hörweite nahe gekommen sind,  nur als Duett vertont werden kann. Aber er widersteht der Versuchung,  das Getrenntsein der beiden durch gleichzeitiges Singen vorzeitig zu verdecken oder abzumildern. In ruhigem Tempo und fast monoton das trochäische Metrum in einen Wechsel von Halben und Vierteln übersetzendem Rhythmus singen beide ihre zwei ersten Strophen solistisch nacheinander. Und,  ohne  dass sie einander  hören, fügen  sie ihre traurigen und sehnsüchtigen Worte in die gleiche auf- und wieder absteigende  Melodie. Quälender ist das Zugleich von Nähe und Ferne selten musikalisch gestaltet worden.                                                                                                                               
Nur in der Begleitung gibt es von Strophe zu Strophe mehr Bewegung,
die Harmoniefolge wird zunächst in ganztaktigen Akkorden hörbar, dann folgt die linke Hand mit einem nachschlagenden Viertel dem Sänger, in der dritten Strophe wird der Takt in der rechten Hand aufgefüllt und vom Zwischenspiel vor der vierten Strophe an bis IV,3 macht sich das  Klavier mit einer begleitenden Melodie aus gebrochenen Aufwärtsakkorden deutlicher bemerkbar.
Erst dann und nur vier Takte lang legt Brahms  die Verse IV, 4 und V,1 duetthaft übereinander:
Al  –     te   Klänge   blühend schreiten
‚s war,  als  ob  ich  ster- ben müss-te.
Sie taucht ein in blühende wehmütige Erinnerungen, während Er an die  damals  als lebensbedrohend empfundene  Trennung denken muss.  Die emotionale Intensität dieser Stelle und der folgenden Verse macht Brahms hörbar, indem er die Verse V 3+4  in verändertem Rhythmus, z.T. auftaktig und mit Verschiebungen und Dehnungen,  singen lässt.

Und dann singt die Altstimme   wieder allein. Genau wie dann der Bariton seine letzte Strophe zunächst solistisch vorträgt, in der er sich entschließt, als Kreuzfahrer ins Heilige Land zu ziehen, um zu sterben:  Tempo und Lautstärke werden gesteigert,  blitzende 16tel in der Linken und eine herausstechende Oktave auf der zweiten Zählzeit  sorgen für Dramatik, die ihren Höhepunkt findet in der zweiten duetthaft vertonten Stelle, für die Brahms die Strophenordnung aufhebt: Sie singt die beiden ersten Verse von Strophe VII, während er seine Bereitschaft als Kreuzfahrer zu sterben in VI, 3+4 durch mehrfache Wiederholungen bekräftigt. 
Es ist eins der Verwirrspiele Eichendorffs:  sie sieht wohl   den absegelnden Geliebten, hält dieses „Gesicht“ aber für eine Sinnesverwirrung der falschen Nacht. 
Brahms beweist seinen Sinn für die poetische Dramaturgie, wenn er nach kurzem Zwischenspiel die  beiden letzten Verse mit  der  Fürbitte der Nonne in dem ersten, dem ruhigeren Tempo und in gleichmäßig resignativen Dreiklangs-Folgen gleichsam als Epilog von der vorangegangenen Aufregung absetzt.

Dieses Duett endet also nicht in  einer zweistimmigen harmonischen Vereinigung der Liebespartner.  Konsequent verzichtet Brahms darauf, die räumliche und seelische Getrenntheit der beiden durch gleichzeitiges Singen zu verschleiern. Ebenso wenig war er darauf aus, den Klangraum aus Windesrauschen, Wellenschlagen und klagenden Stimmen nachzubilden, wie es Hugo Wolf in „Die Nachtblume“ erreicht  hat.  Dafür ist Brahms ein Duett gelungen, in dem die Unterschiedlichkeit der Empfindungen und Perspektiven durch das  ungewöhnlich lange Nacheinander – Singen nachvollziehbar  wird,  während sich die seelische Verbundenheit der beiden in der  Ähnlichkeit der melodischen und rhythmischen Strukturen ihres Gesangs  und in der  beide einbindenden Intensitätssteigerung des Klaviersatzes wahrnehmen lässt.