Das lyrische Wir


D. Das lyrische Wir
In erstaunlich vielen  Gedichtvorlagen  der drei Duett-Komponisten ist das sprechende Subjekt nicht ein  lyrisches Ich, sondern ein Wir. Bei Hensel singen kleine Wellen ein Kind in den Schlaf,  oder zwei Liebende schwimmen trostlos auf weitem Meer. Bei Schumann sitzen ein altes und ein junges Paar stumm beieinander und spiegeln sich im Gegenüber, oder Vater und Mutter sprechen am Bett ihres kranken Kindes.  Bei Brahms rühmen zwei Schwestern ihre Schönheit und ihre Zusammengehörigkeit, bis…
Allerdings wird  in diesen Wir-Duetten der drei Komponisten das plurale Subjekt musikalisch nicht so  aufgespalten wie in den unter A -C  besprochenen Kunstlieder-Duetten.  Dennoch lohnt sich das genauere Hinhören,  da die musikalische Phantasie durch die Pluralität des lyrischen Wir  auf bemerkenswert verschiedene  Weise angeregt  wurde.


Fanny Hensel, Schlafe du, schlafe du süß (1829)  (Droysen)


Fanny wollte  anlässlich der Englandreise ihres Bruders Felix 1829 einen Zyklus von sechs Liedern komponieren und hat bei dem Hauslehrer der Familie  Gustav Droysen, der auch zum Freundeskreis der Geschwister Mendelssohn gehörte, Gedichte  ‚bestellt‘. Es zeugt von der Vertrautheit zwischen den beiden, dass Fanny den Text Gustavs umstellen und um eine, die mittlere Strophe,  erweitern durfte.
Während  bei Droysen noch in der Schwebe bleibt, ob die Wellen das lyrische Wir sind, das  die  zum Abschied Winkenden und Weinenden nur benennt, wird durch Fannys ergänzende 2. Strophe  dem Leser nahe gelegt, sich unter dem pluralen Subjekt Wir die  Küssenden und Liebes Flüsternden vorzustellen,  die sich nur in die kleinen und immer höheren Wellen versetzen, die das Schiff des Geliebten tragen und begleiten und ihn in den Schlaf wiegen.     Das Autograph des am 11.4.1829 komponierten Duetts enthält eine handschriftliche Paraphrase des  Gedichts,  die diese  Uneindeutigkeit    vereindeutigt; sie endet: 
„ Und als er schläft u. als er träumt, da tauchen aus der grünen See zwei liebe Mädchen und singen.“                                                                                                                                             
                                                                                                                                                                     
In I, 2 ersetzt sie dementsprechend Droysens ‚leuchten‘ durch ‚auftauchen‘. So ist kein Zweifel, dass Fanny bei der Komposition dieses Wir-Gedichts eine konkretere Vorstellung von der gewählten  Zweistimmigkeit gehabt haben muss als beim Komponieren ihrer quasi monodischen Duette:  die Schwestern Fanny und Rebecca, die ohnehin gern beim Wandern im Duett sangen – sieben unbegleitete Duette hat Fanny für solche Gelegenheiten komponiert – schicken dem abreisenden Bruder ein Schlaflied hinterher.                                                                                                                                                                       
Alle kompositorischen  Entscheidungen Hensels sind von dieser Idee her leicht zu verstehen: Im Allegretto lusingando, also schmeichelnd, gleitend, zart und immer im pianissimo soll gesungen werden, der 12/8 Takt ermöglicht ein unaufgeregtes Wiegen,  die strophische Vertonung wirkt einlullend, der titelgebende Refrain gehört zur Strophe und wird jeweils fünfmal gesungen, insgesamt also, vom Vorspiel abgesehen 15 mal.
Bedenkenswert ist nur die Auffächerung der Stimmen und deren Verhältnis zur Begleitung; von Zwiesprache kann hier keinesfalls die Rede sein:  Immer singen  Sopran und Alt  gleichzeitig. In den Strophen auch textgleich und darum gut verständlich.  Kleine wellenartige Achtel –  Melismen übernehmen beide – einander imitierend und dadurch gleichrangig – von der Begleitung.  Das 12/8 tel Metrum ermöglicht  ein Sich-Einschwingen auf ein beruhigendes  Auf und Ab.  In der Klavierbegleitung  hört man in 8 von 12 Takten wellenartige Gruppen von 3 Achteln, oft in Gegenbewegung zum Auf und Ab der Stimmen. 
So ergibt sich im Zusammenspiel  der Stimmen mit der Begleitung ein ständiges weiches leises Schaukeln; die Singenden bewahren sich ihr Eigenleben, werden aber doch von den Achtelbögen des Klaviers getragen und umspielt.
Im Refrain wechseln sich Sopran und Alt darin ab,  die Worte  „Schlafe du“  in der Melodie von Vers 3 zu singen, jeweils nur noch  harmonisch gestützt  von lang ausgehaltenen Tönen der anderen und begleitet von den auf- und absteigenden 3/8 Wellen im Klavier. 
In den letzten beiden Takten verstummt  das Singen ganz und gar.
So entsteht der Gesamteindruck, dass  die Musik dem  lyrischen  Wir wieder mehr von  dem vieldeutigeren Wiegenliedcharakter der  Textvorlage Droysens  verliehen hat,  als es die handschriftliche Notiz über die Mädchen erwarten ließ.

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Als Ergänzung
Noch ein Wir-Gedicht hat Hensel  vertont:  Das Heinetypische  Abschiedslied,  in dem sich ein  lyrisches Ich an die trostlose gemeinsame Kahnfahrt mit der Geliebten erinnert. Hier hat Hensels Entscheidung, das Gedicht als Duett zu vertonen,  zu einer selbstbewussten totalen Umdeutung des Gedichts geführt.  Es sind jetzt zwei  Liebende, die  beseligt von der fernher wehenden  Musik der Liebe  ‚ruhig‘  und immer in schöner konfliktfreier Gemeinsamkeit an einer Geisterinsel  vorbeirudern.   Den Heineschen Überraschungsschlag ‚trostlos‘ musste die Komponistin  konsequenterweise durch ‚ruhig‘ ersetzen.  Im Gegensatz zum Schlaflied für den Bruder bleibt  hier der Gesang der Liebenden von den Wellen imitierenden 16tel Wogen des Klaviers auch völlig unbeeinflusst. 

Fanny Hensel, Mein Liebchen, wir saßen zusammen (Heine)

Fannys Bruder Felix ist ähnlich selbstbewusst mit einem Heinegedicht umgegangen („Ich wollt, meine Schmerzen ergössen sich“ op.63.1.), indem er  durch die  einfache Wortänderung ‚Liebe‘ statt ‚Schmerzen‘ den Sinn von Heines Gedicht ins Gegenteil verkehrt.