Vorblick

In den Arbeiten über das deutsche Kunstlied spielen die Duette nur eine marginale Rolle.1 Ausschlaggebend dafür dürfte sein, dass in den meisten Duetten die zweite Stimme nur eine Begleitfunktion hat, die Melodie wird mit Terzen und Sexten usw. unterlegt, das Vokale wird vielleicht voller und dichter als in einstimmigen Liedern, aber – auch wenn gelegentlich am Ende eines Lieds die beiden Sänger nacheinander singen – die Stimmen lösen sich nicht wirklich voneinander, es lohnt sich nicht, nach einer deutungsrelevanten Funktion der Zweistimmigkeit zu fragen. Die vertonten Gedichte solcher Duette sind auch überwiegend monologische Äußerungen eines lyrischen Ich.
Felix Mendelssohn hat nur solche Duette komponiert, seine Schwester Fanny und später Robert Schumann und Johannes Brahms dagegen wählten auch Gedichte aus, die es nahelegten, die beiden Stimmen selbständig zu führen, sie sowohl gleichzeitig wie auch nacheinander singen zu lassen und aus unterschiedlichen Kombinationen verschiedener Gedichtzeilen Deutungsoptionen zu gewinnen.
Es ist üblich, diese wirklich zweistimmig komponierten Duette im Gegensatz zu den quasimonodischen „Duettliedern“ als dialogische Duette oder „Dialoglieder“2 zu bezeichnen und dafür die Lieder anzuführen, deren Gedichtvorlagen schon zwei miteinander sprechende Figuren benennen: Am häufigsten „Er“ und „Sie“, aber auch Suleika und Hatem oder Der Jüngling und das Mädchen.
Ich ziehe für meine Untersuchung den Terminus Duette der Zwiesprache vor, da die drei genannten Komponisten auch Texte als echt zweistimmige Duette vertont haben, in denen nur zwei unterschiedliche Sichtweisen gegeneinander gestellt oder ineinander verschränkt werden oder in denen ein sprechendes Wir in zwei mehr oder weniger selbständige Stimmen entfaltet wird. Ein genauerer Blick auf solche Duette der Zwiesprache, die in den wenigen Arbeiten über Duette kaum erwähnt werden, lohnt sich, weil Einsichten auf folgenden Ebenen möglich werden:
Welche musikalischen Techniken werden genutzt? Wie wird ein Gedicht durch die echt zweistimmige Vertonung neu geordnet und gedeutet? Wie steht es um die Verständlichkeit von echt zweistimmigen Gedichten beim ersten Hören? Außerdem kann zusammenfassend gefragt werden nach dem Verhältnis der Partner, nach der Balance zwischen Konflikt und Lösung und den Möglichkeiten der Musik der Zeit, all dem Ausdruck zu verleihen.
Die Gliederung der folgenden Untersuchung geht von den Gedichten aus und fragt nach der Art der Zwiesprache in den Duett-Vorlagen der drei Komponisten. Wenn möglich wird mindestens jeweils eins ihrer Duette genauer besprochen.

1 Hans Jost (Herausgeber): Brahms als Liedkomponist 1992 S.9ff.  und  
Christian Martin Schmidt: Johannes Brahms (Reclam Musikführer 1994)  S.300
 2 Hans Jost: Booklet der CD-Cassette “Complete Duets & Quartets“ cpo 777537-2  S.13